Ein Tag mit der DRF Luftrettung unterwegs

Es geht um jede Sekunde!

Do, 27. Dez 2018
Sylt

Niebüll/Insel Sylt. Es ist Punkt 9.23 Uhr an diesem Mittwoch, als die drei Crewmitglieder am Frühstückstisch schlagartig das Gespräch beenden. Halbe Brötchen mit Wurst und Käse landen schnell auf den Tellern, flinke Hände stellen Kaffeepötte auf den Tisch. Lange, freundliche Sätze werden jetzt kürzer, nur noch das Nötige, die Daten für den ersten Einsatz an diesem Morgen sind auf einem großen Monitor im Nachbarzimmer eingeblendet. Ein schneller Blick über die Stichworte und eine Adresse. Ein kurzes Telefonat mit der Rettungsleitstelle in Harrislee. Was wird die Besatzung des Rettungshubschraubers in einigen Minuten erwarten? Christoph, der Pilot, Notfallsanitäter Gunnar und Notärztin Christine zwängen sich in die enge Kabine und schnallen sich an, während sich der Hauptrotor langsam zu drehen beginnt. In die weißen Fliegerhelme sind Kopfhörer und Mikrofone eingebaut, so dass die Besatzung trotz des Lärms der beiden mächtigen Turbinen gut miteinander sprechen kann. Schnell gewinnt die BK 117 der DRF Luftrettung an Höhe, Christoph dreht den rot-weiß lackierten Helikopter in Richtung Süden, nach Husum hin. In rund 600 Metern Höhe fliegt die Besatzung mit mehr als 200 Sachen zu der Frau, die jetzt ganz schnell Hilfe braucht.

„Rettungswagen und Notarzt sind seit kurzem vor Ort, die Polizei ist da, für den Landeplatz gibt es einen Einweiser“, informiert Christoph, der ständig mit der Leitstelle in Verbindung steht, die Besatzung. Nach wenigen Minuten geht der 56-jährige erfahrene Hubschrauberpilot in den Sinkflug über. Der Polizeiwagen neben dem Acker ist aus der Luft gut zu erkennen, Notfallsanitäter Gunnar, in der Luft Co-Pilot, beobachtet den Landebereich, „keine Freileitungen zu sehen“, sagt er, „das sieht gut aus“. 14 Minuten nach der Alarmierung setzt der Hubschrauber keine hundert Meter von dem Haus entfernt auf, in dem sich wenige Minuten zuvor ein tragisches Unglück ereignet hat. Christine, die Notärztin, entriegelt die Kabinentür unter den sich noch drehenden Blättern des Hauptrotors. Jetzt geht’s um jede Sekunde. Die beiden Polizeibeamten bringen sie in ihrem Wagen schnell in das Haus am Ortsrand von Drelsdorf.

Im Flur liegt eine bewusstlose ältere Frau auf dem Rücken. Sie blutet aus beiden Ohren und aus dem Rachen. Die Klapptreppe hinauf zum Dachboden ist noch ausgefahren. Die Frau, Anfang 70, muss das Gleichgewicht verloren haben. Ist aus 2,50 Metern Höhe mit ihrem Kopf auf den harten Steinfußboden geprallt. Sie ist jetzt tief bewusstlos. Aber sie lebt. In den nächsten Minuten wird Christine die Notfallpatientin stabilisieren, sie bekommt Sauerstoff und Narkosemittel. Blutdruck, Herzfrequenz – all die wichtigen Werte zum Weiterleben werden jetzt ständig überwacht. Gunnar holt derweil aus dem Hubschrauber eine spezielle Trage, auf der die Schwerverletzte wenig später sehr stabil liegen wird. Kurz darauf wird sie durch eine Klappe im Heck der BK 117 sanft in die fliegende Intensivstation eingeschoben. Der Notfallsanitäter und die Notärztin sitzen nun in der Kabine nebeneinander und kümmern sich um die Patientin. Knapp 15 Minuten wird der Flug von Drelsdorf in die Diako in Flensburg dauern. Die Patientin wird künstlich beatmet, Christine und Gunnar haben ständig die Daten auf dem kleinen Monitor im Blick. Beide strahlen große Ruhe und Routine aus.

Minuten später landet Christoph auf dem Dach der Klinik, die Patientin wird im Schockraum an ein ganzes Team von Spezialisten übergeben. Die Notärztin berichtet kurz und konzentriert über den Hergang des Unfalls, über die vor Ort und im Hubschrauber eingeleitete Therapie und über eine vermutete Diagnose. Dann ist die schwerverletzte ältere Dame in der Verantwortung der Klinik im Herzen von Flensburg.

Auf dem Rückflug zum DRF-Standort Niebüll ist die Stimmung an Bord gelöster, die Besatzung scherzt miteinander. Gunnar, der Notfallsanitäter, hat an diesem Tag Geburtstag. Man kennt sich seit Jahren, arbeitet eng zusammen. Jeder weiß, wie der andere tickt und was er gleich tun wird. Jeder ist auf seinem Feld absoluter Vollprofi. Jeder geht aber auch ganz für sich selbst mit dem eben Erlebten um. „Wir sind alle alte Hasen“, sagt Christine. „Mit dem, was wir erleben, musst Du umgehen. Wenn wir etwas ganz Trauriges erlebt haben, dann reden wir miteinander darüber. Manchmal haben wir alles getan und trotzdem ist der Patient gestorben. Dann ist es passiert. Aber wir kommen immer an einen Einsatzort, um eine Situation zu verbessern. Das ist jedes Mal unser Ziel.“ Besonders schlimm, erzählt Christine, sei es, wenn Kinder schwer verletzt werden. „Das ist oft sehr traurig. Aber ich muss oft kurz später bereit sein für den Nächsten.“

Auch die Crewmitglieder der DRF Luftrettung können professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. „Ich kann mich für ein sogenanntes Peer-Gespräch anmelden, dann rede ich mit jemandem, der ebenfalls Notarzt ist, Pilot oder Notfallsanitäter. Das hilft nach schwierigen Einsätzen schon sehr.“

Vom DRF-Standort Niebüll aus werden neben dem schleswig-holsteinischen Festland unter anderem die Nordfriesischen Inseln angeflogen: Sylt, Föhr, Amrum und die Halligen. Um die 1.000 mal im Jahr hebt Christoph Europa 5, so lautet der Name des Rettungshubschraubers, gleich hinter der Klinik in Niebüll ab, wenn’s mit der Hilfe schnell gehen muss. Der DRF-Hubschrauber fliegt auch rüber ins nahe Dänemark – da ist es ein Segen, dass Gunnar, der Notfallsanitäter, fließend Dänisch spricht.

Zurück an der Station der DRF in Niebüll wird noch schnell was gegessen und getrunken, die Toilette aufgesucht. „An Bord brauchen wir eine große Blase und einen kleinen Magen.“ Christoph, der Pilot, sorgt im Team für beste Laune, für alles hat er den passenden Spruch auf den Lippen.

„Wir werden hier hervorragend von der DRF Luftrettung betreut, wir sind medizinisch auf dem neuesten Stand und wir werden von der DRF sehr gut fortgebildet“, sagt Christine, die gemeinsam mit ihrer Crew täglich im Durchschnitt vier Einsätze fliegt – im Sommer können es auch mal acht bis zehn werden. Die einzelnen Besatzungsmitglieder wechseln sich ab. Die aktuelle Crew ist an diesem Mittwoch und am Donnerstag zusammen, immer zwei Tage am Stück, Übernachtung in der Station inklusive, wenn die Mediziner von weiter her kommen. Insgesamt wechseln sich 16 Notärzte, fünf Notfallsanitäter und zwei Piloten ab, so dass die Crews immer wieder bunt zusammengewürfelt werden. „Es funktioniert in jeder Zusammenstellung.“ Christoph, der Pilot, schmunzelt. „Aber Selbstdarsteller können wir hier nicht brauchen. Das stellt sich meistens ziemlich schnell heraus.“

Am Schreibtisch werden jetzt Berichte über das Geschehene geschrieben – welche Medikamente wurden gebraucht? Wie schnell waren sie am Einsatzort? Was ist sonst noch Berichtenswertes passiert?

Beim nächsten Alarm muss der Hubschrauber schnell nach Dänemark. In einer Schule bei Sonderburg ist eine Frau plötzlich zusammengebrochen, mit starken Kopfschmerzen. Kurz vor dem Ziel, der Hubschrauber hat gerade Glücksburg überflogen, blasen die Dänen den Einsatz ab. Alles nicht so schlimm wie zunächst angenommen, wird in den Hubschrauber gefunkt. Christoph macht auf dem Absatz kehrt, dreht den Hubschrauber einmal im Halbkreis und fliegt zurück Richtung Niebüll. Kurz vor der Station entscheiden Pilot und Notärztin, noch einen sekundären Intensivtransport zu übernehmen, einen Patienten also, der von der Intensivstation der Asklepios Nordseeklinik in Westerland auf eine Intensivstation auf dem Festland verlegt werden soll. Der ältere Mann wird wenige Minuten später ebenfalls in die Diako nach Flensburg geflogen und dort weiter versorgt.

Als an diesem Nachmittag in Nordfriesland die Sonne untergeht, fährt Christoph die Plattform, auf der der Hubschrauber steht, in die Halle zurück. Danach setzen sie sich zusammen, um Gunnars 48. Geburtstag zu feiern. Christine hat eine kleine Torte gekauft, es gibt Kekse und Kaffee. Sie reden über den Tag und über die Frage, wie morgen das Wetter werden soll – für diese Crew bei Gott kein Allerweltsthema wie morgens beim Fleischer um die Ecke.

Wie man mit all dem Erlebten in seinem Beruf umgeht, fragt der Autor dieser Reportage am Ende eines ereignisreichen Tages. „Man ist dankbar für ein gutes Leben“, sagt Christine. „Wirklich dankbar. Wie viele Menschen wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht.“ Diese Gefahr besteht in den Berufen von Christine, Gunnar und Christoph ganz sicher nicht.