SVG-Chef Sven Paulsen winkt ab

Politische Diskussion um kostenlose Nutzung von Linienbussen auf Sylt

Mi, 16. Aug 2017
Sylt

Diese Woche wird in den politischen Gremien gleich zweimal über den Busverkehr auf der Insel diskutiert: heute Abend in der Verbandsversammlung des Landschaftszweckverbands und am morgigen Donnerstag, 17. August, in der Gemeindevertretung. Dabei geht es auch um die Frage, ob der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) zwischen List und Hörnum sogar kostenlos für die Nutzer organisiert werden könnte. So stellen es sich jedenfalls die Fraktionen der Grünen, der SPD, des SSW, der SWG und der Piraten vor. In einer gemeinsamen Anfrage an Bürgervorsteher Peter Schnittgard heißt es: „Seit Jahresbeginn gibt es eine neue Gesetzeslage in Schleswig-Holstein, die es den Gemeinden ermöglicht, Kurkarteneinnahmen zur Finanzierung des Nahverkehrs heranzuziehen. Dadurch könnte Urlaubern eine günstige oder sogar kostenlose Nutzung des ÖPNV ermöglicht werden. Eine Umsetzung dieser Möglichkeit würde vermutlich zu einem starken Anstieg der Fahrgastzahlen führen.“
Vor den Sitzungen fragte der Sylter Spiegel beim Geschäftsführer der Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG), Sven Paulsen nach:

Herr Paulsen, was halten Sie von einem Busverkehr auf Sylt, der für die Nutzer kostenlos ist und über eine verteuerte Kurkarte finanziert werden soll?
Ich halte davon nichts. Und das gleich aus mehreren Gründen.

Was sind die wichtigsten?
Wir wissen beispielsweise von anderen Städten, in denen das Modell ausprobiert wurde, dass der motorisierte Individualverkehr dort durch die kostenlose Bus-Nutzung eben nicht geringer geworden ist. Ich nenne Hasselt in Belgien, Talinn in Estland – oder beispielsweise auch Templin in Brandenburg. Nirgends gab es signifikante Ergebnisse.

Was wäre denn für Sie ein Ziel, wenn es um die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs geht?
30 oder 40 Prozent weniger Autoverkehr. Das ist messbar.
Welche weiteren Gründe haben Sie, kostenlosen Busverkehr über eine verteuerte Kurkarte abzulehnen?
Ein solches Modell wäre aus meiner Sicht auch nicht finanzierbar. Um eine vollständige Deckelung der entstehenden Kosten zu erzielen, müssten entweder die Kurkarten so stark verteuert werden, dass wir mit einem Rückgang der Gästezahlen rechnen müssten. Oder die Kurkarte wird nur moderat verteuert – und am Ende würde dann die Gemeinde für das Defizit aufkommen müssen. Ich bin davon überzeugt, dass keine der beiden Optionen wirklich politisch gewollt ist. Und dann stellen Sie nach einem oder zwei Jahren mal die Frage, wie sich das Rad zurückdrehen lassen soll, wenn es nicht klappt. Einen kostenlosen Busverkehr wieder abzuschaffen – das würde sich niemals durchsetzen lassen.

Und das System wäre nur denkbar, wenn es auf Sylt eine einheitliche Kurkarte gäbe...
...Eben. Die gibt‘s aber nicht. Und außerdem: Wenn es wirklich ein so erfolgreiches Mittel wäre, den ÖPNV kostenlos zu machen und dadurch den Autoverkehr zu reduzieren – warum sind dann Großstädte wie Hamburg oder Berlin noch nicht auf die Idee gekommen? Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind. Das ist auch bei unseren Gästen so. Es zählt das Gesamtkonzept, in dem wir nur einer der vielen Bausteine sind.
Wir sind derzeit an einigen anderen Projekten dran, den ÖPNV auf der Insel attraktiver, individueller und nachhaltiger werden zu lassen, zum Beispiel unser Projekt zum autonomen Fahren, nachfragegesteuerte E-Kleinbusse oder auch ein intermodales Ticket. Dort sehe ich den richtigen Weg und die Zukunft.

Sie führen eine Menge Gründe gegen diese Initiative an. Welche anderen Möglichkeiten sehen Sie, den Autoverkehr auf der Insel spürbar zu reduzieren?
Das geht nur mit klaren Einschränkungen, die allerdings von der Politik durchgesetzt werden müssten.

Welche könnten das sein?
Beispielsweise, die Westerländer Innenstadt weitgehend für den Autoverkehr zu sperren. Oder eine einspurige Straße nach Hörnum oder List – und dafür eine eigene Busspur. Oder Großparkplätze vor Niebüll oder vor Westerland, von wo aus die Gäste per Shuttle-Bus in die Stadt gefahren werden. Das würde sicher helfen – im Gegensatz zum kostenlosen Bus fahren. Und solche Modelle funktionieren auch, beispielsweise in Oberstdorf.